Ist Gegenwindunsinn noch unsinniger geworden?

Und mal wieder überraschen uns die Windkraftgegner1 mit gefährlichem Unsinn. Nein, sie überraschen freilich kein bisschen, sie sind konsistent unsachlich, faktenresistent, dafür reisserisch wie hetzerisch.

Um was geht es? Richtig: Die Bürgerinitiative Schwarzwald Gegenwind2) hat mal wieder einen Beitrag auf der Website veröffentlicht. Geschrieben wie immer von “Admin”, besteht das Blogpost vor allem aus einem Schreiben von einem alten Bekannten: Prof. Dr. Werner Roos. Ja, natürlich ist der Artikel mit seinem akademischen Titel geschmückt, er muss ja zeigen, dass er weiss, wovon er schreibt. Dumm nur, dass er seinen Doktor in Pharmakologie gemacht hat, und daher absolut fachfremd ist. Das hindert ihn aber nicht, seinen Senf bzw. seinen Unsinn zum Thema Windkraft immer wieder in Vorträgen usw. von sich zu geben. Und beim Unsinn bleibt der Herr ganz offensichtlich.

Grund für das Schreiben ist die schlichte Tatsache, dass die BGR, die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, DIE Studie, die WindkraftgegnerInnen seit Jahren als belastbare Quelle für ihren Infraschallwahnsinn verwenden, und die seit ihrem Erscheinen häufig kritisiert und in Frage gestellt wurde, als wirklich unrichtig eingestanden hat, der gemessene Schalldruckpegel lag um 36dB daneben. Klar, dass das der BI nicht schmeckt, Tatsachen und wissenschaftliche Fakten sind nun mal nicht ihr Ding. 

Genau das schreibt auch Roos. Allerdings macht er, absolut untypisch für einen Wissenschaftler3, mit einer absolut unbelegten Behauptung auf, nämlich, dass die Messungen, die die BGR durchgeführt hat, mutmasslich nicht korrekt seien, da die Aufzeichnungen durch die Rotoren der gemessenen WKA die Messung stören könnten. Wohlgemerkt: Roos und seine Kollegen haben sich über 15 Jahre auf genau diese Messung gestützt und sie bisher nicht hinterfragt. 

Ebenso untypisch für einen Wissenschaftler ist der Unsinn, den er über dB (Dezibel) schreibt. Ok, er ist Pharmakologe, da hat man mit Schalldruck usw. nicht viel zu tun, aber wenn er sich schon herausnimmt, zu dem Thema zu referieren und seinen Titel auch drunter lesen will, muss er halt wissenschaftlich korrekt vorgehen. Er schreibt:

Die Dezibel-Skala ist logarithmisch, mit Nullpunkt bei 20 µPascal, deshalb bedeuten 36dB das ca. 36 fache des Schalldrucks.

Also: Dezibel4 ist eine Hinfseinheit. Die Skala von Dezibel ist wirklich logarithmisch, und die 36dB mehr entsprechen einem Faktor von ca. 63, soweit so richtig. Aber: Dezibel stellt einfach nur ein Verhältnis von zwei Dingen dar. 20dB mehr bedeutet schlicht 63 mal so viel. Von was auch immer. Komplett relativ, es gibt keinen definierten Nullpunkt bei irgend etwas, es sind einfach nur Verhältnisse. 
Der Schalldruck wird nicht in dB angegeben, sondern u.a in dB(A). dB(A) ist auf die angenommene Hörschwelle des Menschen bei 20 µPascal bezogen. Ein Schallpegel von 36dB(A) ist also ca. 63 mal so laut wie das leiseste Geräusch, das wir hören können. Das ist ein leises Flüstern. 
Bei der Messung geht es aber um die Differenz von zwei Schalldruckpegeln, nämlich dem ursprünglich angegebenen und dem nun korrigierten. Und bei der Differenz kommt es bei logarithmischen Skalen absolut darauf an, wo die Differenz dargestellt wird: 36dB Differenz sind wie gesagt der Unterschied zwischen absoluter Stille (0dB(A)) und leisem flüstern (ca. 36dB(A)), aber halt auch der Unterschied zwischen einem ziemlich leise vorbeifahrenden (Elektro-)Auto (ca. 60 db(A)) und einem Presslufthammer (ca. 95dB(A)). Und da ist das halt schon ein sehr grosser Unterschied. 

Man kann natürlich sagen, dass der Herr sich halt, als Fachfremder, geirrt hat. Kann sein, gut möglich. Es kann aber halt auch sein, dass er hier absichtlich etwas falsch liegen will, um die Vergleichbarkeit klein zu halten. Wir Menschen sind, siehe Covid-19, extrem schlecht darin, Logarithmen und exponentielle Verteilungen einzuschätzen …

Weiter schreibt er dann, dass “mehrere Journalisten mit fragwürdiger Fachkenntnis” die Infraschall-Emissionen von WKAs generell für unerheblich zu erklären. Wer diese Journalisten sind und vor allem warum er als Wissenschaftler (der sich in seinen Vorträgen auch schon oft auch nachweislich fragwürdig Fachkenntnis ausgezeichnet hat) so unsachlich und beleidigend vorgeht, anstatt aufzuführen, wer diese Journalisten sind, inwiefern ihre Fachkenntnis fraglich sei und ob sie wirklich so pauschalisiert geschrieben haben. Per se kann man übrigens getrost davon ausgehen, dass die Infraschall-Emissionen von WKAs unerheblich sind, aber ich bin ja kein Journalist …

Im nächsten Absatz postuliert er einmal mehr, dass dieser Infraschall natürlich gefährlich sei (wie immer frei jeden Belegs), um dann auf die immer wieder von WindkraftgegnerInnen vorgebrachten Beschwerden von Anwohnern hinzuweisen. Diese Beschwerden sind gängige Stressindikatoren. Wissenschaftlich deutet extrem wenig darauf hin, dass dieser Stress durch Infraschall ausgelöst wird (grösste Infraschallquellen sind Verkehr und Industrie, daher müsste eine direkte Kausalität zu Strassen, Industriegebieten usw. bestehen), aber viel, dass er durch Angst, hervorgerufen durch solche Märchen, zumindest stark verstärkt wird.

Lustig ist, dass seine “Argumentation” darin besteht, dass, da ja laut seines Postulats, der Wirkmechanismus besteht, da der gemessene Wert nun aber niedriger ist, dieser Wirkmechanismus also noch schlimmer sein muss. Beweis durch Zirkelschluss. Können meine Kinder auch prima …

Und dann folgt noch mehr unwissenschaftlicher Unsinn: Laut Roos komme es gar nicht auf den Maximalwert des Schalldrucks an, sondern es käme nur auf die steilen Pulse des Schalldrucks an. Auch hier hat er wieder gar nichts verstanden, oder schreibt absichtlich die Unwahrheit: Ja, die meisten Prozesse reagieren am stärksten auf Transienten, also (Ver)Änderungen. In vielen Prozessen ist die Wirksamkeit bei schnellen Änderungen ungleich höher als bei langsamer Änderung. Wenn man im Liegestuhl sitzt und eine Maus schnell an einem vorbeihuscht, nimmt man das viel eher wahr als wenn eine grössere Katze langsam vorbeischleicht. Nur ist das nicht ausreichend: Auch wenn sie noch so schnell ist, die Mücke, die in drei Meter Abstand schnell vorbeifliegt, nehmen wir nicht wahr, sie ist zu klein. Die Grösse ist hier genau so relevant wie die Änderung. 

Kennen wir auch vom Wecker: Natürlich weckt der schrille Piep-Piep-Piep-Wecker (Jeder Piep ist ein Puls) uns viel besser als die langsam anschwellende, sehr sanfte Melodie, auch wenn sie genau den selben Schalldruckpegel hat. Wenn der Piep-Piep-Piep-Wecker nun aber 63mal leiser ist, dann weckt er uns eben nicht. Schlussendlich geht es ja nur um die Energie, die Transportiert wird, denn nur diese kann in irgend einer Weise zur Interaktion führen …

Und dann kommen weitere Behauptungen: Aktuelle WKAs würden per se viel höhere Schalldrucke verursachen als die alten gemessenen aus der Studie, und das auch bei niedrigeren Grundfrequenzen. Das sind natürlich einfach leere Behauptungen. Die Frequenzen, die ein Rotor verursacht, hängen primär von seiner Rotationsgeschwindigkeit ab5, es können also auch niedrigere Frequenzen auftreten, da sich grosse Anlagen langsame drehen. Allerdings braucht man bei niedrigeren Frequenzen ungleich mehr Energie, um den selben Schalldruck zu erzeugen6, daher ist das Postulat schon mal mindestens fragwürdig. Dass sie auch noch höhere Schalldrücke verursachen, wird einfach nur in den Raum gestellt. 

Aber all das hindert ihn nicht daran, das Märchen von der Gefährdung hochzuhalten.

Gewohnt verweist der Admin nach dem Brief noch auf die schon anderorts genannten WELT-Artikel von Daniel Wetzel, die auch bei der x-ten Verlinkung deswegen nicht sinnvoller oder gar richtiger würden. 

Und, gewohnt unanständig, darf natürlich der Seitenhieb auf die EWS nicht fehlen. Etwas enttäuschend: Im Vergleich zu den letzen Wahlkampfartikeln gibt es gar keine Anti-Grünen-Hetze. Ist das “Windkraftgegner, aber normal”?